PRESSEKONFERENZ

ARMUTSBEKÄMPFUNG NACH DER PANDEMIE

Soziale Folgen der Pandemie und Maßnahmen, um Armut nachhaltig zu bekämpfen.

Die vergangenen Monate waren geprägt von schnellen sozialpolitischen Reaktionen auf Ansteckungsraten und Notsituationen. Jetzt stehen wir vor einer neuen Herausforderung: Anstatt Symptombehandlung braucht es langfristige Strategien, um nicht nur die Folgen der Pandemie zu lindern, sondern Armut in ihren Ursprüngen zu bekämpfen.

Hinschauen, weil wegschauen nicht mehr möglich ist.
Mit dem Anstieg der Arbeitslosigkeit in Salzburg um 77% im Vergleich zum Vorjahr können Löcher im sozialen Netz nicht weiter ignoriert werden. „Wir gehen davon aus, dass sich die Anzahl der Schuldenberatungen stark erhöhen wird“, prognostiziert Inge Honisch, Schuldenberatung Salzburg.
Durch die Pandemie sind die vielen Gesichter von Armut deutlich in die Mitte der Gesellschaft gerückt. In Form von Einsamkeit, beengten Wohnverhältnissen oder Schüler*innen, die aufgrund fehlender technischer Ausstattung den Anschluss an die Klasse verloren haben. Doch keiner dieser Aspekte ist neu oder ausschließlich aufgrund der Pandemie entstanden. „Es sind bekannte strukturelle Probleme, die aufgrund der steigenden Betroffenenzahlen gesellschaftlich spürbar werden.“, fasst Carmen Bayer, Sprecherin der Salzburger Armutskonferenz zusammen.  

 

Arm trotz Arbeit?
Wenn sich Leistung nicht mehr lohnt, wie können finanzielle Notlagen individuell überwunden werden? Für 8% der Österreicher*innen ist diese Frage eine bittere Lebensrealität. Aus prekären oder zu gering bezahlten Jobs folgen nicht-existenzsicherndes Arbeitslosengeld und Pensionen. Wenn die Arbeit nicht zur Existenzsicherung ausreicht, wird mit der Mindestsicherung „aufgestockt“, um zu überleben.

Ein Problem, das Frauen besonders trifft, wie Ines Grössenberger, Referentin für Frauenpolitik der Arbeiterkammer beschreibt: „Frauen kommen in der Krise gleich mehrfach zum Handkuss. Sie sind überdurchschnittlich oft in sogenannten systemerhaltenden Berufen tätig, also im Handel, in Gesundheitsberufen oder der Reinigung. Sparten, die vergleichsweise niedriger entlohnt werden als etwa Jobs in der Produktion. Hinzu kommt die unbezahlte Arbeit in Form von Kinderbetreuung oder Pflege.“ All diese Faktoren wirken sich in Folge vermindernd auf die Höhe des Arbeitslosengeldes oder der Pension aus.

Working Poor, prekäre Arbeit und zu niedrige Arbeitslosenleistungen sind das große verschwiegene Thema in der gegenwärtigen Debatte. Der politische Diskurs scheint unbeeindruckt davon, dass sich gerade dieses Phänomen durch diverse Branchen, von Leiharbeiter*innen bis hin zu den Selbstständigen, zieht und besonders Kinder die Leidtragenden dieser Entwicklung sind.

 

Wohnen am Rande der Leistbarkeit
Wohnen ist ein zentrales Grundbedürfnis wie Kleidung und Nahrung. Ein Zuhause, das sowohl Schutz als auch genügend Raum für alle im Haushalt Lebenden bietet, war bereits vor der Pandemie nicht für alle leistbar. Konfrontiert mit Arbeitslosigkeit, finanziellen Einschnitten und offenen Stundungen kann das sichere Heim für viele plötzlich zum Unsicherheitsfaktor.

Denn Wohnkosten, so das Ergebnis der IGF-Erhebung, waren bereits im Herbst/Winter 2019 für die Hälfte der befragten Mieter*innen in der Stadt Salzburg ein zu tieferer Einschnitt in die Haushaltskasse. Untermauert wird diese Momentaufnahme vom Dreijahresdurchschnitt (2017-2019) der subjektiv empfundenen Belastung durch Wohnkosten der Statistik Austria:  971.000 Österreicher*innen fühlen sich durch ihre Wohnkosten stark belastet.

Hinzu kommt, dass mit Ende Juni Maßnahmen wie der Kündigungsschutz und die Möglichkeit auf Mietstundungen auslaufen, während Mieter*innen auch in den nächsten Wochen und Monaten von finanziellen Engpässen aufgrund Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit betroffen sein werden. „Leistbarer Wohnraum ist nach wie vor Mangelware, insbesondere für Familien mit niedrigem Einkommen, für Alleinerzieher*innen, junge Menschen und Klient*innen der Wohnungslosenhilfe.“, fasst Torsten Bichler, Bereichsleitung der Caritas Salzburg zusammen und betont die Notwendigkeit von langfristige Maßnahmen im Bereich der Prävention von Wohnungslosigkeit.

Was Armut mit uns macht
„Aber letztlich geht es bei ‚kein Geld‘ gar nicht ums Geld, sondern um Mobilität, Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben, um Identität und Selbstbewusstsein.“
Mit diesen Worten beschreibt die Autorin Undine Zimmer die Armutserfahrungen ihrer Kindheit und macht damit auf die gravierenden sozialen Auswirkungen von Armut aufmerksam.

Erfahrungen aus der täglichen Arbeit des Diakoniewerks zeigen die vielfältigen Auswirkungen von Armutsbetroffenheit sehr deutlich: „Wer aus physischen, psychischen oder materiellen Gründen isoliert und ausgegrenzt lebt, verliert zunehmend an Selbstbewusstsein und Vertrauen gegenüber der Gesellschaft. Außerdem sind Menschen in Einsamkeit krankheitsanfälliger und mutloser und leiden verstärkt an Depressionen.“, betont Gabriele Huber, die im Diakoniewerk für Armutsprojekte und Freiwilligenarbeit zuständig ist. Insgesamt zeichnet sich ab, dass die Krise mehr Menschen in die Armut treibt sowie bestehende Ungleichheiten und gesellschaftliche Polarisierungen verstärkt. Gunter Graf vom Bildungshaus St. Virgil zeigt Perspektiven auf: „Dabei sollten wir nicht vergessen, dass gerade jetzt auch Chancen zu gesellschaftlichen Weichenstellungen bestehen, die zu einer vielversprechenden Zukunft beitragen können. Bildung ist dabei ein wesentlicher Faktor, um negative Auswirkungen zu reduzieren, Solidarität zu fördern und produktive Lösungsansätze entwickeln zu können.“