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EIN INTERVIEW ÜBER ZIELE, HERAUSFORDERUNGEN UND POLITISCHE REALITÄT.

DIE EU WILL ARMUT ÜBERWINDEN – WIE LÄSST SICH DIESES ZIEL EINSCHÄTZEN?

Interview mit Juliana Wahlgren (Direktorin des European Anti‑Poverty Network, EAPN)

Mit der neuen EU-Strategie zur Armutsbekämpfung setzt die Europäische Union erstmals ein klares Ziel: Armut nicht nur zu verringern, sondern langfristig zu überwinden. Doch wie realistisch ist dieses Vorhaben – und was braucht es, damit es gelingt? Marcel Kamlesh Singhal hat mit Juliana Wahlgren, Direktorin des European Anti-Poverty Network (EAPN), gesprochen.

Wahlgren ist Expertin für soziale Rechte, Gleichstellung, Antirassismus und Antidiskriminierung auf EU‑Ebene sowie in den Mitgliedstaaten. In ihrer Arbeit setzt sie sich intensiv mit Themen wie Armut, Migration, Integration und strategischer Prozessführung auseinander.

Was ist die EU-Strategie zur Armutsbekämpfung – und warum ist sie jetzt wichtig?

Juliana: Die EU-Strategie zur Armutsbekämpfung ist die erste umfassende Strategie auf EU‑Ebene, die sich ausdrücklich zum Ziel setzt, Armut zu überwinden – nicht nur zu reduzieren. Das ist ein großer Unterschied. Bisher gab es viele einzelne Maßnahmen, etwa für Kinderarmut, für Arbeitsmarktintegration oder gegen Diskriminierung. Aber sie waren oft fragmentiert und kaum miteinander verbunden. Der zentrale Fortschritt ist: Es gibt jetzt eine gemeinsame Vision. Die EU sagt – wir akzeptieren nicht, dass Menschen arm sind. Unser Ziel ist eine Gesellschaft, in der niemand gezwungen ist, grundlegende Dinge gegeneinander abzuwägen: etwa Miete gegen Gesundheitskosten oder Erwerbsarbeit gegen Kinderbetreuung. Natürlich ist das ambitioniert und die Strategie ist nicht perfekt. Aber sie ist ein Meilenstein. Zum ersten Mal gibt es einen Versuch, Armut als gesamtgesellschaftliches, strukturelles Problem zu betrachten – und nicht als individuelles Versagen.

Ist die EU-Strategie zur Armutsbekämpfung verbindlich – sind die Mitgliedstaaten verpflichtet, Armut aktiv zu bekämpfen?

Juliana: So einfach ist es leider nicht. Die Strategie ist kein klassisches Gesetz, sondern eher ein politischer Rahmen. Sie enthält Ziele, Leitlinien und Indikatoren, an denen sich die Mitgliedstaaten orientieren sollen, aber viele Maßnahmen sind nicht rechtlich verbindlich ausgestaltet und hängen stark von der Umsetzung in den einzelnen Ländern ab. Die Ausgestaltung der Finanzierung ist bislang noch nicht näher konkretisiert. Es wird vor allem auf bestehende europäische und nationale Mittel verwiesen. Damit stellt sich die Frage, wie diese ambitionierten Ziele in der Praxis umgesetzt werden können – und welche Ressourcen dafür tatsächlich zur Verfügung stehen.

Wie beurteilt ihr als European Anti‑Poverty Network die Strategie?

Juliana: Sie stellt einen wichtigen Fortschritt dar und setzt ein klares politisches Signal. Besonders hervorzuheben ist, dass sich der Fokus deutlich verändert hat: weg von der reinen Armutsreduktion hin zur tatsächlichen Überwindung von Armut. Zudem gibt es erstmals eine gemeinsame europäische Strategie, die verschiedene Politikbereiche zusammenführt und die Beteiligung von Menschen mit Armutserfahrung stärker in den Mittelpunkt stellt. Gleichzeitig wird es nun darauf ankommen, wie die Strategie in der Praxis weiterentwickelt und umgesetzt wird. In einigen Bereichen bleiben noch offene Punkte, und vieles wird davon abhängen, wie die Mitgliedstaaten die gesetzten Ziele konkret aufgreifen. Insgesamt sehen wir die Strategie daher als einen wichtigen ersten Schritt, auf dem in den kommenden Jahren weiter aufgebaut werden kann.

Welche Rolle spielt das European Anti‑Poverty Network (EAPN) bei der Entwicklung der Strategie?

Juliana: Ja, sehr intensiv. Das EAPN hat über viele Jahre hinweg Konzepte, Positionspapiere und Vorschläge entwickelt, die in die Strategie eingeflossen sind. Für uns war besonders wichtig, Armut als strukturelles Problem zu verstehen und nicht die Verantwortung bei einzelnen Menschen zu verorten. Ein weiterer wichtiger Punkt war der ganzheitliche Ansatz entlang des Lebensverlaufs. Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen haben unterschiedliche Bedürfnisse, und politische Maßnahmen müssen darauf eingehen. Ein großer Erfolg ist deshalb, dass die EU nun festhält: Politik darf nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg gemacht werden – ihre Beteiligung ist zentral.

Wie realistisch ist das Ziel „Armut bis 2050 überwinden“?

Juliana: Derzeit ist offen, inwieweit dieses Ziel erreicht werden kann. Gleichzeitig enthält die Strategie einen wichtigen Ansatzpunkt: Sie sieht vor, die Messung von Armut zu überarbeiten und realistischere Indikatoren zu entwickeln. Das ist entscheidend, denn aktuell bildet die Statistik die tatsächliche Lebensrealität vieler Menschen nur unzureichend ab. Wenn es gelingt, Armut präziser zu erfassen, können auch gezieltere politische Maßnahmen entwickelt werden. In diesem Sinne könnte sich die Strategie in den kommenden Jahren noch weiter konkretisieren.

Warum ist Kinderarmut weiterhin so hoch? Ein Viertel aller Kinder in der EU sind armuts- oder ausgrenzungsgefährdet.

Juliana: Kinderarmut ist immer auch Armut der Familien. Man kann sie nicht isoliert betrachten. Neu an der Strategie ist, dass verschiedene Politikbereiche stärker miteinander verknüpft werden sollen. Dies ist der Lebensverlauf‑Ansatz (life-cycle approach). Ein Beispiel ist die sogenannten Kinder‑Garantie (European Child Guarantee), die nun enger in die Gesamtstrategie eingebunden wird. Ziel ist es, Maßnahmen besser aufeinander abzustimmen und strukturelle Ursachen anzugehen.

Wo liegen große Lücken in der Strategie – insbesondere beim Thema Diskriminierung und der fehlenden Umsetzung konkreter Maßnahmen?

Juliana: Das Problem liegt in der bisherigen Struktur europäischer Politik. Sozialpolitik und Antidiskriminierungspolitik werden oft getrennt voneinander entwickelt. Dadurch entstehen Lücken, in denen zentrale Themen nicht ausreichend behandelt werden. Besonders deutlich wird das bei der sogenannten sozioökonomischen Diskriminierung, also Diskriminierung aufgrund von Armut. In vielen Ländern ist diese rechtlich gar nicht als solche anerkannt. Zwar erkennt die Strategie das Problem an, konkrete Maßnahmen fehlen jedoch bislang weitgehend. Positiv ist, dass erste Schritte geplant sind, etwa in Form von Forschung und einer stärkeren politischen Sichtbarkeit des Themas. Dennoch bleibt hier noch viel zu tun.

Was braucht es jetzt konkret, um Armut zu bekämpfen?

Juliana: Ganz klar: Es braucht finanzielle Mittel. Politische Strategien können nur wirksam sein, wenn sie durch ausreichende Ressourcen abgesichert sind. Neben konkreten Maßnahmen und rechtlichen Rahmenbedingungen ist Finanzierung ein zentraler Baustein. Darüber hinaus ist es entscheidend, Menschen mit Armutserfahrung ernsthaft einzubeziehen.

Was bedeutet die Strategie für die Praxis?

Juliana: Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit. Die Strategie liegt vor, aber sie muss umgesetzt werden. Dafür braucht es Engagement auf nationaler und lokaler Ebene sowie eine aktive Zivilgesellschaft. Gleichzeitig ist es wichtig, politische Gelegenheiten zu nutzen – etwa Wahlen oder Budgetverhandlungen. Wenn dieser Moment nicht genutzt wird, besteht die Gefahr, dass die Strategie auf dem Papier bleibt und keine konkrete Wirkung entfaltet.


Hintergrund: EU‑Strategie zur Armutsbekämpfung in Kürze

Die EU‑Strategie zur Armutsbekämpfung wurde im Mai 2026 erstmals vorgestellt und verfolgt das Ziel, Armut und soziale Ausgrenzung in Europa langfristig zu überwinden. Derzeit sind rund 93 Millionen Menschen in der EU betroffen – das entspricht etwa einem Fünftel der Bevölkerung. Neu ist vor allem der umfassende Ansatz: Die Strategie verknüpft verschiedene Politikfelder – etwa Arbeit, soziale Sicherung, Bildung, Wohnen und Gesundheit – und betrachtet Armut über den gesamten Lebensverlauf hinweg. Gleichzeitig setzt sie stärker auf die Beteiligung von Menschen mit Armutserfahrung. Besonders deutlich wird die Dringlichkeit beim Blick auf einzelne Gruppen: Kinder und Jugendliche sind überdurchschnittlich betroffen – etwa jedes vierte Kind in der EU lebt in Armutsgefährdung. Auch Frauen, junge Erwachsene, arbeitslose Menschen sowie Alleinerziehende und alleinlebende Personen sind deutlich häufiger von Armut betroffen. Hinzu kommen Menschen mit Behinderungen, Menschen mit Migrations- oder Fluchterfahrung sowie ethnische Minderheiten, die strukturell ein höheres Armutsrisiko tragen. Darüber hinaus zeigt sich, dass Armut stark mit Lebensbedingungen zusammenhängt: Menschen ohne stabile Arbeit, mit niedrigem Bildungsniveau oder mit hohen Wohnkosten sind besonders gefährdet. Kritisch wird jedoch gesehen, dass zentrale Fragen – insbesondere die Finanzierung und verbindliche Umsetzung – bislang unklar bleiben. Ohne ausreichende Mittel besteht die Gefahr, dass die ambitionierten Ziele der Strategie nicht erreicht werden.

Fazit Die EU-Strategie zur Armutsbekämpfung markiert einen wichtigen Wendepunkt in der europäischen Sozialpolitik. Erstmals steht nicht die Reduktion, sondern die Überwindung von Armut im Zentrum. Ob daraus tatsächliche Veränderungen entstehen, hängt nun davon ab, ob politische Ziele mit konkreten Maßnahmen und ausreichenden Ressourcen hinterlegt werden – und wie Zivilgesellschaft und Politik die Umsetzung weiterhin begleiten und stärken können.

European Anti‑Poverty Network (EAPN)

Das European Anti‑Poverty Network (EAPN) ist das größte europäische Netzwerk von Organisationen, Initiativen und Basisgruppen im Kampf gegen Armut und soziale Ausgrenzung. Seit 1990 vernetzt es Akteur:innen auf lokaler, nationaler und europäischer Ebene und bringt ihre Perspektiven in die EU‑Politik ein. Zentrales Anliegen ist es, Armut zu überwinden, soziale Rechte zu stärken und die Stimmen von Menschen mit Armutserfahrung sichtbar zu machen.


Zahlen & Fakten zur Armut in der EU

  • 92,7 Millionen Menschen in der EU sind von Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung betroffen.
    • Das entspricht 20,9 % der Bevölkerung (jeder fünfte Mensch)
  • 19,3 Millionen Kinder leben in Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung
    • Insgesamt sind 24,3 % aller Kinder betroffen
  • 72,4 Millionen Menschen sind von Einkommensarmut betroffen

Besonders betroffen sind:

  • Roma gehören zu den am stärksten von Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung betroffenen Gruppen in Europa.
  • LGBTIQ+-Personen, Menschen mit Migrations- oder Fluchterfahrung sowie ethnische Minderheiten haben ein deutlich erhöhtes Armuts‑ oder Ausgrenzungsgefährdungsrisiko
  • Rund 1 Million Menschen in der EU ist von Wohnungslosigkeit betroffen

Quelle: Commission Staff Working Document: Poverty in the EU - key trends and policies


Weiterführende Informationen:

Unterlagen von der Europäische Kommission:

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