
Unsere monatliche Kolumne zum “Europäischen Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung” in der Sbg. Straßenzeitung Apropos
Ein JA(hr) zur Armutsbekämpfung?
Teil 2 (Februar): “Sozialhilfe auf Knopfdruck?”
Im EU-Jahr zur Armutsbekämpfung findet heute eine erste parlamentarische Enquete in Wien statt gefunden. Das Thema? Inhaltliche Schwerpunkte für das EU-Jahr? Nein, natürlich nicht, das hat in Österreich offiziell ja noch gar nicht begonnen! Es geht- welche Überraschung! – um das so genannte „Sozial-Transferkonto“, unterfüttert mit einer tendenziösen Verteilungs- und Gerechtigkeitsdebatte. Neuester Clou dabei: Das Ganze soll jetzt elektronisch abgewickelt werden, jeder bekommt sein eigenes Transferkonto, da kann man dann nachschauen, wie großzügig sich der Staat uns gegenüber verhält, und die – natürlich anonymen – Daten werden dann dazu verwendet, mehr „soziale Treffsicherheit“ und „Leistungsgerechtigkeit“ herzustellen. Und ebenfalls neu: Man kann gleich online, quasi in Echtzeit, Leistungen beantragen, auf deren Geltendmachung man bislang verzichtet hat. Sozialhilfe auf Knopfdruck also, das kann ja spannend werden. Armutsbekämpfung 2.0?
Leistungs- und Verteilungsgerechtigkeit? Transparenz? Wohl alles noble Ziele, die grundsätzlich auch von uns geteilt werden. Aber warum beschleicht einen bei diesem Thema doch immer wieder so ein komisches Gefühl, dass da noch was anderes dahinter steckt als das ehrliche Bemühen um soziale Gerechtigkeit? Ein genauerer Blick auf einzelne diskutierte Aspekte verstärkt dieses Gefühl zusätzlich:
Transparenz. Wenn man Transparenz schon fordert, sollte man diese zumindest auf alle Bevölkerungsgruppen bzw. alle öffentliche Transfers und Leistungen ausdehnen, z. B. also auch Gesundheits- und Bildungsleistungen berücksichtigen. Das Wifo hat das übrigens mit einer großen Verteilungsstudie getan, die Ergebnisse dieser Untersuchung sind aufschlussreich und – transparent. So wie übrigens auch die österreichische Armutserhebung. Und Zweitens müssen sich die Erfinder des Transferkontos schon auch die Frage gefallen lassen, warum die gewünschten Daten persönlich zuordenbar sein müssen? Warum reichen also allgemeine Leistungsüberblicke, Modellberechnungen und Verteilungsstudien nicht aus, um (sozial-)politische Konsequenzen zu diskutieren?
Aha-Effekte soll das Konto nämlich bringen, großes Staunen darüber, wie viel man tatsächlich vom Staat bekommt. Soll wohl Demut erzeugen, das weit verbreitete Anspruchsdenken senken, die Eigenleistung fördern. Frage also nicht, was Dein Land für dich tun kann, sondern frage, was Du für Dein Land tun kannst! Und nebenbei müssen ja auch noch zahlreiche Budgets saniert werden! Und weiter gestaunt werden darf dann, wenn man sieht, welche Leistungen man noch nicht erhält. Also: Auf „Antrag stellen“ drücken, beantragen, beziehen, genießen! Ganz einfach, oder? Oder ob da angesichts der drohenden Transparenz nicht der eine oder andere darauf verzichtet, Sozialhilfe zu beantragen, da möglicherweise doch zu viele davon erfahren? Bleibt ja nichts unentdeckt, heutzutage!
Schwelleneffekte. Zuverdienstgrenzen seien manchmal zu starr, ein Euro Verdienst mehr, und weg ist die soziale Leistung, das führe dazu, dass man aufs Arbeiten verzichtet und dafür weiterhin vom Staat lebt, zahlt sich ja nicht aus, für die paar Kröten mehr zu schuften bis zum Umfallen. Armutsfallen-Theorem nennt das die Wissenschaft. So weit, so ideologisch. Der Haken daran: Die ökonomische Situation mag wohl ein Aspekt sein, wenn es um die Entscheidung geht, Arbeiten ja, nein, mehr oder weniger. Allerdings ist es eben nur ein Aspekt. Gesundheitssituation? Arbeitsplatz vorhanden? Qualität des Arbeitsplatzes? Kinderbetreuung? Mobilität? Um das zu erheben, braucht es kein Sozialkonto, sondern qualitative Sozial- und Armutsforschung, Aha-Effekte inklusive.
Leistungs-Gerechtigkeit. Gewiss, Leistung ist ein dehnbarer Begriff, so wie Gerechtigkeit. Aber wenn man gerade von denjenigen mehr Leistung einfordert, denen man zuvor (zu) wenig Chancen gegeben hat – im Bildungssystem, am Arbeitsmarkt, bei der Integration – eben diese Leistung zu bringen, dann ist das Einfordern derselben, einfach gesagt, ein Akt der Beschämung. Oder eine geplante Umverteilung nach oben. Ob die Transferkonto-Erfinder das wollen?