
Salzburg braucht ArMUT!
Unsere monatliche Kolumne in der Sbg. Straßenzeitung Apropos
01/2012: Housing first statt Drehtüren-Effekt
Von der Notschlafstelle in ein Pensionszimmer. Von dort in das Übergangswohnen. Dann ein paar Monate Unterbringung im Langzeitwohnen. Und weil es dort nicht klappt, aus welchen Gründen immer, wieder zurück in eine Notschlafstelle. Oder zu einem Bekannten. Oder auf die Straße. So oder ähnlich verlaufen derzeit immer wieder „Wohnungslosenkarrieren“ in Salzburg. Zum Einen deshalb, weil am Ende der Hilfskette einfach nicht ausreichend leistbarer Wohnraum zur Verfügung steht. Und weil viele aus dem Hilfesystem an bestimmten Stellen wieder raus fallen. Sofern sie aufgrund bestehender Kriterien dort überhaupt reinkommen. Insider nennen das passend „Drehtüren-Effekt“.
Diesem Problem will man nun auch in Salzburg mit einem Paradigmenwechsel begegnen, mit einem Konzept namens „housing first“. Dabei soll ein eigener Wohnraum nicht am Ende des Hilfssystems stehen, sondern gleich zu Beginn. Der erste Schritt der sozialen Betreuung ist also die Schlüsselübergabe. Die maßgeschneiderte Betreuung erfolgt dann im Anschluss und in Absprache mit den Betroffenen. Ob das funktioniert? In Boston in den USA ja, in Amsterdam auch, in Graz in kleinem Maßstab ebenfalls, wie VertreterInnen dieser Projekte berichten. Die „Erfolgsquote“ liegt z. B. in Boston nach fünf Jahren bei beachtlichen 86 %. Dass heißt, „nur“ 14 % derer, die als Obdachlose zu Beginn eine eigene Wohnung erhalten haben, sind wieder ausgestiegen. Die Drehtüre verwandelt sich also scheinbar in eine tatsächliche Eingangstüre.
In Salzburg will nun die Vinzi-Gemeinschaft, die bereits in Graz ein ähnliches Projekt umsetzt, „housing first“ etablieren. In einem ersten Schritt sollen vor allem obdachlose Personen, die einen längeren Zeitraum auf der Straße leben, zum Zug kommen. Einen Versuch ist das allemal wert. Wobei: Die Gretchenfrage wird vor allem jene sein, ob für dieses Projekt auch ausreichend Wohnraum zur Verfügung gestellt wird: Von der Stadtgemeinde, von gemeinnützigen Bauträgern, von privaten Vermietern. Leistbarer Wohnraum ist in Salzburg nämlich genauso knapp wie die Bereitschaft der Genannten, die Wohnungsvergabe weiter aus der Hand zu geben. In diesem Sinne wird sich also noch weisen, ob Salzburg für die Vinzi-Gemeinschaft eine Eingangstüre offenhält oder nicht doch auch zu einer Drehtüre wird.



