
Aus einer „Harmonisierung des untersten Netzes im Sozialstaat“ wurde im Laufe der Verhandlungen die „Harmonisierung der Mindeststandards“. Letztendlich herausgekommen sind Mindestsicherungs-Gesetze, die in ihrer Unübersichtlichkeit den alten Sozialhilfe-Gesetzen in nichts nachstehen. Nach wie vor gilt: was jemand in welcher Lebenssituation zusteht, wird nach wie vor wesentlich vom Wohnort bestimmt. Das entbehrt sachlich jeder Rechtfertigung. Wer hier den Überblick bewahren will, braucht viel Geduld – sowie einen langen Atem. Und sollte sich am besten gleich auf einen Marathonlauf einstellen: Denn in Ende des Auseinanderdriftens ist nicht in Sicht. Der Novellierungs-Reigen hat, wenige Monate nach der Einführung der Gesetze, bereits begonnen. Damit droht dem letzten Netz im Sozialstaat ein deja-vu: Als die Bundesländer in den 1970er-Jahren ihre Sozialhilfegesetze verabschiedeten, lehnten sie sich ebenfalls zunächst an einen Musterentwurf an. Durch Novellierungen dieser Gesetze kam es aber zu immer stärker von einander abweichenden Rechtsgrundlagen. Damit
war das Substrat geschaffen, auf dem die Idee der Bedarfsorientierten Mindestsicherung wuchs.
Die Bedarfsorientierte Mindestsicherung liegt uns am Herzen. Weil sie das letzte Netz im Sozialstaat ist, nach dem nichts mehr kommt. Doch dieses Netz trägt nicht nur schlecht, weil es schlecht geknüpft ist. Es trägt auch schlecht, weil viel zu viel darauf abgeladen wird. Die Mindestsicherung sollte wie schon die alte Sozialhilfe nur jene auffangen müssen, die spärlich durch die eng geknüpften Maschen der vorgelagerten Netze rutschen. Die vorgelagerten Netze aber, allen voran die Sozialversicherung, haben Risse bekommen. Risse, die immer breiter werden. Erwerbslose, working poor, AlleinerzieherInnen: wo der Sozialstaat mit den Veränderungen in Ökonomie und Gesellschaft nicht Schritt hält und keine oder nur mickrige Sozialleistungen bereit hält, soll die Bedarfsorientierte Mindestsicherung gerade stehen. Das Wesen des Meilensteins ist es, dass er nicht alleine steht. Zunächst braucht es eine Idee davon, wohin die Straße führen soll. Dann orientieren die Meilensteine in regelmäßigen
Abständen auf das Ziel hin. Moderne Sozialpolitik denkt nicht in Einzelleistungen, sondern in Systemen. Denn es ist das Zusammenspiel der einzelnen Komponenten, das für den Erfolg entscheidend ist. Wo ein Rädchen schwach ist – sei es das Bildungssystem, die Arbeitslosenversicherung, der soziale Wohnbau oder eben die Bedarfsorientierte Mindestsicherung – kommt das gesamte System ins Stocken. Was wir deshalb brauchen, ist der Blick aufs Ganze.




