Trotz all dem Licht …

Aus gegebenem Anlass (Weihnachten!) nochmals ein Text, der vor einem Jahr in Apropos veröffentlich wurde:

Trotz all dem Licht – die im Dunkeln sieht man nicht!
Wie Charity-Rituale den gesellschaftlichen Umgang mit Armut widerspiegeln.

Keine Ahnung, ob dieses Ritual heute noch existiert, aber seit ich vor vielen Jahren am Weihnachtstag noch gebannt auf den Fernsehapparat geblickt habe – und mit mir wahrscheinlich halb Österreich – gehen mir die Bilder nicht mehr aus dem Kopf: Minutenlang wurden da Namen präsentiert, Zeile für Zeile, daneben der Wohnort, zum Schluss der Geldbetrag, der gespendet wurde. Gespendet für „Licht ins Dunkel“, der wohl größten Charity-Aktion des Landes.

Ich habe mich öfters gefragt, welchen Zweck diese nicht enden wollende Auflistung von tausenden Namen mit Angabe des gespendeten Betrages wohl hat. Abgesehen von der Befriedigung eines voyeuristischem Bedürfnisses („Schau, die Frau X. hat auch gespendet!“) geht es wohl grundsätzlich um die Vermittlung eines „Wir-Gefühls“, oder genauer eines „Wir-sind-alle-so-solidarisch-Gefühls“, solidarisch mit den „Schwachen“, den „wirklich Armen“, den „Bedürftigen“. Eine große Familie sozusagen, die Mitglieder namentlich und live im Fernsehen aufgelistet. Und wenn man nicht gespendet hat, gehört man trotzdem dazu, man ist sozusagen mit den Solidarischen solidarisch, indem man den ganzen Weihnachtstag live mit auf Sendung ist, mitfühlt, mitlebt, und vor allem auch mitzittert, ob es wohl auch dieses Jahr – wenn an diesem Tag schon kein Schirennen statt findet – es zumindest einen „Spendenrekord“ gibt. Gutes tun also, Spannung pur inklusive.

Und das Solidarisch-Sein wird uns, der großen Familie, darüber hinaus auch noch leicht gemacht: Kein Zweifel, die, die das Gespendete erhalten, die sind, so wird uns versichert, „wirklich bedürftig“, also keine, na ja, also solche, die es vielleicht nicht wirklich, egal. Die letzten eventuell noch bestehenden Bedenken werden dann von der anwesenden Prominenz zur Seite geräumt: Wenn Bundespräsident, Kristallerbin und Fernsehkommissar am Telefon sitzen, muss ganz einfach alles in rechten Bahnen laufen! Und sollte das noch immer nicht reichen, gibt´s ja noch das Spendengütesiegel als amtliche Draufgabe.

Und das Beste: Diese Dankbarkeit! Nicht wie der Obdachlose am Bahnhof, der sich arm gebiert, und dann unser hart verdientes Geld einfach versäuft. Oder der Arbeitslose, der halt nicht wirklich arbeiten will! Nein, wenn schon gespendet wird, dann für „wirklich“ Bedürftige, die, wie es offiziell heißt, „unverschuldet in Not“ geraten sind und sich als dankbar erweisen.

So wie seit vielen hundert Jahren, seit in der frühen Neuzeit die „unwürdigen“ von den „würdigen“ Armen getrennt wurden, die „arbeitsunwilligen“ von denen, die sich redlich bemühen und uns nicht auf der Tasche liegen, die Alten, Menschen mit Behinderung: die Geburtsstunde der „selbstverschuldeten Armut“ sozusagen. Denn: Jeder kann gewinnen, wenn er nur will, eine Überzeugung die in Zeiten des Neoliberalismus als Handlungsprinzip und -orientierung stark aufgewertet wurde, so neu aber nicht ist, wie ein Blick in die Geschichte zeigt. Und von den Verlierern sucht man sich halt diejenigen aus, die ins großfamiliäre Bild passen: dankbar, gut, „wirklich“ bedürftig, am besten mit Kindergesicht.

Licht ins Dunkel – und daneben viele andere Aktionen ähnlicher Art – sollen hier nicht ungebührlich kritisiert werden. Sie leisten natürlich viel, vieles, das zwar auch als staatliche Aufgabe betrachtet werden könnte, und trotzdem: Manchmal kann jeder einzelne Euro – egal wie er aufgebracht wird – äußerst hilfreich sein, und Geld werden ja wahrlich viel gesammelt.

Was allerdings bleibt, ist dieses Gefühl, dass es sich wohl auch um einen – wahrscheinlich unbeabsichtigten – nationalen Selbstbestätigungsevent handelt, ein jährliches Ritual für die große Familie, dass so, und nur so alles in Ordndung ist, und vor allem gerecht.

Ganz so wie es auch der Sozialstaat vorzeigt, der ja auch fein säuberlich trennt zwischen würdigen und unwürdigen Armen: Nicht arbeitswillig? Tut uns leid, eine kleine Sperre des Arbeitslosengeldes wird Sie ja schon wieder auf Trab bringen! Zugezogen? Tja, da müssen Sie erstmal ordentlich arbeiten und verdienen, bevor sie überhaupt hier bleiben dürfen, Deutsch lernen, sich integrieren, und dann gibt es noch lange nicht jene Leistungen, die für die ortsansässigen Bevölkerung vorgesehen ist. Jedem halt das, was ihm zusteht.

„Die im Dunkeln sieht man nicht!“ Schrieb Bert Brecht in seinem Roman „Dreigroschenoper“ und meinte damit Bettler, Marginalisierte, Ausgebeutete. Und um jene in die dunklen Winkeln der Gesellschaft zu drängen, sie dort (klein) zu halten, sie nicht zu sehr sichtbar – und damit zum Problem – werden zu lassen, dafür hat sich unsere Gesellschaft ja ausreichend Strategien zurechtgelegt. Es muss ja nicht immer das Landessicherheitspolizeigesetz sein, das es der Polizei erlaubt, Bettler des Weges zu verweisen. Es geht auch subtiler, z. B. mit der Suche nach und dem Finden von Sündenböcken, die für alle möglichen Probleme, in der Schule, am Arbeitsmarkt, beim Budget, verantwortlich gemacht werden können. Arme und von Ausgrenzung übermäßig Bedrohte bieten sich da ja immer wieder an. Ausländer, Arbeitslose und „steigende Sozialkosten“ werden ja gerne bemüht, wenn es strukturelle Ursachen zu verschleiern gilt. Und wenn der Sündenbock geritten wird, heißt es immer wieder auch, diejenigen zu Schuldigen für jene Barrieren zu machen, die andere ihnen aufgestellt haben. Selbst schuld sind sie also, und ohne sie wäre ohnehin alles besser. Kurz: ein Akt der Beschämung. Wie gesagt, die im Dunkeln sieht man nicht, vor allem deshalb, weil man ja gar nicht so genau hinsehen will. Und wenn dann doch Licht ins Dunkel gerichtet wird, dann kann man davon ausgehen, dass das Scheinwerferlicht schon die Richtigen einfängt!


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